Vieles in dieser Phase läuft parallel und nicht in fester Reihenfolge — wer einen Studienplatz hat, beantragt damit das Visum; wer eine Chancenkarte will, klärt zuerst die Anerkennung. Der Abschnitt ist deshalb thematisch geordnet, nicht zeitlich. Plane für Phase 1 realistisch 3 bis 9 Monate.
Aufenthaltstitel-Optionen prüfen
Welcher Titel zu dir passt, hängt vom Migrationsgrund ab. Die wichtigsten für Drittstaatler:innen:
- Blaue Karte EU (§18b AufenthG) — Akademiker:innen mit Hochschulabschluss und einem Arbeitsvertrag, der das Mindestgehalt überschreitet (2026: 48 300 € brutto/Jahr in der Regel, 43 759,80 € in Mangelberufen wie IT, Medizin, Naturwissenschaften, Mathematik, Lehre). Vorteil: nach 33 Monaten Niederlassungserlaubnis (mit B1-Deutsch nach 21 Monaten), Familiennachzug ohne Sprachnachweis, EU-weite Mobilität nach 12 Monaten.
- Aufenthaltserlaubnis nach §18a/§18g — anerkannte Fachkräfte mit Berufsausbildung (§18a) oder Beschäftigung mit mind. zweijähriger Berufserfahrung (§18g, Abschluss im Heimatland staatlich anerkannt).
- Chancenkarte (§20a, seit Juni 2024) — Punktesystem für Arbeitsplatzsuche: bis zu 12 Monate in Deutschland zur Suche, Probearbeit max. 20 h/Woche und zweiwöchige Probebeschäftigung pro Arbeitgeber. Mindestens 6 Punkte aus Berufserfahrung, Sprache, Alter, Deutschland-Bezug, anerkanntem Abschluss, Berufsanerkennung.
- Studierendenvisum (§16b) — bei Zulassungsbescheid einer Hochschule, mit Sperrkonto-Nachweis (2026: 11 904 €/Jahr) und Krankenversicherung.
- Familiennachzug (§§27–32) — zu Deutschen oder Drittstaatler:innen mit Aufenthaltstitel; Ehegatten in der Regel mit A1-Sprachnachweis vor Einreise (Ausnahme: Hochqualifizierte/Forschende).
Das offizielle Make-it-in-Germany-Portal hat einen interaktiven Quick-Check, der nach wenigen Fragen die infragekommenden Titel anzeigt.
Ausbildungsplatz, Studienplatz oder Job suchen
Studienplatz. Zentrale Plattform für viele Hochschulen ist uni-assist (uni-assist.de) — sie prüft im Auftrag der Hochschulen, ob deine Hochschulzugangsberechtigung anerkannt ist, und leitet die Bewerbung weiter. Bewerbungsfristen: meist 15. Juli für das Wintersemester, 15. Januar für das Sommersemester. Der Hochschulkompass (hochschulkompass.de) listet alle ~22 000 Studiengänge in Deutschland filterbar nach Sprache, Abschluss und Region — auch internationale Programme auf Englisch sind hier zu finden. Wenn deine Hochschulzugangsberechtigung nicht direkt anerkannt wird, brauchst du ein Studienkolleg (1 Jahr Vorbereitung, B1-Deutsch Voraussetzung). Der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) hat in vielen Hauptstädten Außenstellen mit kostenloser Studienberatung und vergibt Stipendien — frühzeitig prüfen, Bewerbungsfristen liegen oft 12 Monate vor Studienbeginn.
Berufsausbildung. Wer eine duale Berufsausbildung in Deutschland machen will, sucht über die Bundesagentur für Arbeit (arbeitsagentur.de/jobsuche) mit dem Filter "Ausbildung" oder über die AusbildungsPlus-Datenbank. Der Visum-Antrag dafür braucht in der Regel einen Ausbildungsvertrag — den schließen Betriebe oft erst nach einem persönlichen Gespräch ab. Manche Branchen (Pflege, Handwerk, Hotellerie) haben Programme, die Vorstellungsgespräche per Video erlauben.
Job. Für eine Beschäftigung brauchst du beim Visum-Antrag (außer bei Chancenkarte) bereits einen Arbeitsvertrag oder mindestens ein verbindliches Vertragsangebot. Quellen:
- Make it in Germany Jobbörse (make-it-in-germany.com/de/jobs) — kuratiert für ausländische Fachkräfte, oft englischsprachige Stellen
- Bundesagentur für Arbeit (arbeitsagentur.de/jobsuche) — größte deutsche Jobdatenbank, ~1 Million offene Stellen
- EURES (eures.eu) — EU-weiter Stellenmarkt, mit DE-Schwerpunkt; auch für Beratung
- LinkedIn, StepStone, Indeed — besonders für Akademiker:innen und IT
- Stack Overflow Jobs (stackoverflow.com/jobs) — IT, oft remote-friendly
Bewerbungs-Spezifika für Deutschland: tabellarischer Lebenslauf (max. 2 Seiten, oft mit Foto), Anschreiben ist Standard und wird gelesen (anders als in vielen Ländern), Zeugnisse als Anhang ab Schulabschluss. Make it in Germany hat Mustervorlagen.
Anerkennung von Abschlüssen vorab anstoßen
Die zentrale Datenbank anabin der Kultusministerkonferenz zeigt dir, ob deine Heimathochschule und dein Studienabschluss in Deutschland gleichwertig sind:
- H+ — Abschluss gleichwertig, kein formelles Verfahren nötig
- H+/- — Einzelfallprüfung über die ZAB (kostenpflichtig, ~200 €)
- H- — nicht gleichwertig, Anerkennungsverfahren mit Auflagen oder neuer Abschluss
Für Bewerbungen, die einen anerkannten Abschluss verlangen (öffentlicher Dienst, Beamtenlaufbahn) brauchst du eine ZAB-Zeugnisbewertung als Dokument — Antrag online über zab.kmk.org, Bearbeitung 3–4 Monate. Wer in einem reglementierten Beruf arbeiten will (Medizin, Pflege, Lehramt, Recht), muss zusätzlich die Berufsanerkennung bei der Landesbehörde beantragen — oft erst nach Einreise möglich, aber Vor-Recherche spart später Zeit. Für duale Berufsausbildungen (IHK-Berufe, Handwerk) ist die zentrale Stelle IHK FOSA bzw. die jeweilige Handwerkskammer.
Sprachkurse im Heimatland und Sprachprüfung
Der erforderliche Mindestlevel hängt vom Titel ab:
- Blaue Karte EU, §18a/g: kein Sprachnachweis vor Einreise, B1 nach Ankunft empfehlenswert
- Familiennachzug zu Ehegatten: meist A1 vor Einreise (Ausnahmen: Hochqualifizierte, Forschende)
- Studium: meist B2/C1, je nach Studiengang und Hochschule
- Chancenkarte: A1+ bringt Punkte, B1/B2 deutlich mehr
Wo Deutsch lernen vor der Einreise:
- Goethe-Institut — die offizielle Anlaufstelle, Standorte in fast allen Hauptstädten und vielen Großstädten weltweit (158 Institute in 98 Ländern). Kurse von A1 bis C2, präsenz- oder online, plus Prüfungsabnahme. Etwas teurer, aber Goldstandard.
- Goethe-Institut Online-Sprachkurse (goethe.de/de/spr/kup/kur/onl) — wenn kein Institut in der Nähe ist; flexibel, mit Tutor:in
- Volkshochschulen vor Ort, wenn dein Land kooperative Programme hat (z.B. Lateinamerika, viele Länder)
- Lokale Sprachschulen (Berlitz, Wall Street English, lokale Anbieter) — Qualität sehr unterschiedlich, vorher prüfen ob Goethe-konforme Prüfungen abgenommen werden
- Online-Plattformen: Deutsche Welle Deutsch lernen (kostenlos, sehr gut, alle Niveaus), Deutsch perfekt (Magazin mit Audio), Babbel, Coursera "German for Beginners" (TUM), Lingoda (live online mit Lehrer:in)
Anerkannte Prüfungen für Visum, Studium und Einbürgerung:
- Goethe-Zertifikat A1–C2 — am breitesten anerkannt
- TestDaF — der Standard für Studium, akzeptiert C1-äquivalent für die meisten Studiengänge
- DSH (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang) — wird direkt an deutschen Hochschulen abgelegt
- telc und ÖSD — gleichwertig zu Goethe, oft günstiger und mit mehr Prüfungsorten
Dokumente vorbereiten
Was du jetzt schon im Heimatland besorgen solltest — die Beschaffung dauert oft Wochen:
- Reisepass mit Restgültigkeit von mind. 6 Monaten über das Visum hinaus
- Geburtsurkunde im internationalen Format
- Heiratsurkunde falls relevant (Familiennachzug, Steuerklasse)
- Schul- und Hochschulzeugnisse im Original plus beglaubigte Kopien
- Arbeitszeugnisse der letzten Jahre — wichtig für Berufsanerkennung
- Polizeiliches Führungszeugnis (für viele Berufe verlangt, besonders im sozialen/medizinischen Bereich)
Für jedes dieser Dokumente brauchst du beglaubigte Übersetzungen ins Deutsche durch in Deutschland öffentlich bestellte und vereidigte Übersetzer:innen (Liste über die Landesgerichte oder den BDÜ). Manche Behörden akzeptieren auch im Heimatland gefertigte Übersetzungen mit Apostille (für Haager-Vertragsstaaten) oder Legalisation (für andere). Im Zweifel früh fragen — eine zurückgewiesene Übersetzung kostet 4–8 Wochen.
Wohnungssuche aus dem Heimatland
Aus dem Ausland eine reguläre Wohnung in einer deutschen Großstadt zu finden ist schwer, aber nicht unmöglich. Vermieter:innen verlangen fast immer eine Vor-Ort-Besichtigung, eine SCHUFA-Auskunft (gibt es ohne deutsche Adresse nicht) und einen Einkommensnachweis. Praktischer Weg: möbliertes Brücke-Apartment für 2–3 Monate, dann normale Wohnung von Deutschland aus suchen.
Möblierte Apartments und Co-Living aus dem Heimatland buchbar:
- Wunderflats — größte deutsche Plattform für möblierte Wohnungen ab 1 Monat, transparente Preise
- HousingAnywhere — international, viele Studierendenangebote
- Spotahome — Verifizierte Inserate mit Video-Tour
- Mr. Lodge — München-Schwerpunkt, hochwertig
- Habyt, NUMA, Quarters — Co-Living für Junge, all-inclusive ab 1 Monat
Studierendenwohnheim: Wer einen Studienplatz hat, sollte sehr früh über das Studierendenwerk der jeweiligen Stadt einen Wohnheimplatz beantragen. Mieten zwischen 250 und 450 €, Wartelisten 6–24 Monate je nach Stadt. Plattform: studentenwerke.de — Stadt auswählen, dort online bewerben.
Reguläre Wohnungen über ImmoScout24, Immowelt, eBay Kleinanzeigen, WG-Gesucht sind fast nie ohne Anmeldung in Deutschland zu bekommen — als Vorab-Recherche aber gut, um Preise und Lage einschätzen zu lernen.
Digitale Vorbereitung: Bankkonto, SIM, Apps
Bankkonto vor Einreise: Mehrere Online-Neobanken eröffnen Konten ohne deutsche Adresse:
- Wise (wise.com) — multi-currency, deutsche IBAN, ohne deutsche Adresse, ideal für Geldtransfers aus dem Heimatland
- Revolut — seit 2018 mit deutscher IBAN (aber: zur Zeit oft litauische IBAN bei Neukund:innen)
- N26 — voll in Deutschland lizenziert, deutsche IBAN. Für die Eröffnung wird oft eine deutsche Adresse verlangt — Hostel-Adresse oder Adresse von Bekannten geht teils, aber nicht garantiert
- Bunq (Niederlande) — deutsche IBAN, akzeptiert Drittstaatler relativ unkompliziert
Eine deutsche IBAN ist wichtig, weil viele Vermieter:innen, Arbeitgeber:innen und Behörden ausschließlich SEPA-Lastschrift mit deutscher IBAN akzeptieren. Filialbanken (Sparkasse, Volksbank) erfordern in der Regel die Anmeldung in Deutschland — Phase 2.
SIM-Karte / eSIM:
- Deutsche eSIM aus dem Heimatland: Vodafone CallYa Digital, o2 Prepaid Online, Lyca Mobile — Aktivierung per App, deutsche Telefonnummer, Tarife ab ~10 €/Monat
- Internationale eSIM für die Reise: Holafly, Airalo, Saily — sofort aktivierbar, teurer, ideal für die ersten Tage in DE bis zur deutschen SIM
- Tarif-Wechsel später: Nach Anmeldung in DE gibt es deutlich günstigere Vertrags-Tarife (Telekom MagentaMobil, Vodafone Red, o2 Free) — der Wechsel ist später einfach
Digitale Identität / Behörden-Apps:
- BundID (digitale Bürger-Identität, id.bund.de) — Voraussetzung für viele Online-Behördendienste. Erstellung erst nach Anmeldung in Deutschland möglich (sie hängt am elektronischen Personalausweis bzw. an der eAT mit Online-Funktion)
- ELSTER — Online-Finanzamt für Steuererklärung. Aktivierung erst nach Erhalt der Steuer-ID
Apps, die du schon vorher installieren kannst:
- Make it in Germany App — offizielle Begleit-App des BMAS mit Checklisten und Behördensuche
- DeutschlandFinder des BAMF (web/Suchportal) — passende Beratungsstelle in der Nähe finden
- Wegweiser-Kommune — deutschsprachige Behörden-Suchmaschine pro Stadt
- Termine-App der jeweiligen Stadt: Berlin "BürgerApp", München "muenchen.de App", Hamburg "Ham App" — meistens erst nach Ankunft sinnvoll, aber gut zu wissen
- DeepL oder Google Übersetzer mit Offline-Modus — für deutsche Behördenbriefe und Formulare
Visum bei der Botschaft beantragen
Drittstaatler:innen brauchen für längeren Aufenthalt ein nationales Visum (Typ D), das im Heimatland bei der deutschen Auslandsvertretung (Botschaft, Generalkonsulat) beantragt wird. Wartezeiten auf einen Termin sind regional sehr unterschiedlich — von wenigen Wochen bis zu 6 Monaten in Hochnachfrage-Ländern. Termin so früh wie möglich buchen, idealerweise sobald du den Arbeitsvertrag, Studienplatz oder die anderen Voraussetzungen hast.
Standard-Unterlagen: Antragsformular, Pass, biometrische Fotos, Krankenversicherung für die Reisezeit, Nachweis des Lebensunterhalts (Arbeitsvertrag, Studienplatz, Sperrkonto, Vermögen, Einkommen der nachziehenden Person), Wohnraumnachweis (sofern bekannt), Anerkennungsbescheid bei reglementierten Berufen.
Sperrkonto und Reise-Krankenversicherung
Studierende und manche Sucher:innen brauchen ein Sperrkonto mit dem Jahresbetrag (2026: 11 904 €). Anbieter sind Fintechs (Expatrio, Fintiba, Coracle) und einige deutsche Banken — Eröffnung läuft online aus dem Heimatland. Pro Monat darfst du dir nur einen festgelegten Betrag (~992 €) auszahlen.
Für die Reise und die ersten Tage in Deutschland brauchst du eine Reise-Krankenversicherung — die deutsche gesetzliche oder private KV greift erst, sobald du angemeldet und eingetreten bist. Anbieter: Care Concept, MAWISTA, Hanse Merkur, DR-WALTER — meist 30–80 €/Monat.