Diese Phase verläuft selten linear – wer einen Studienplatz hat, beantragt sein Visum damit; wer eine Arbeitsstelle anstrebt, klärt zuerst die Berufsanerkennung. Die folgende Gliederung ist daher thematisch, nicht chronologisch. Plane realistisch 3 bis 9 Monate für Phase 1 ein.
Aufenthaltstitel prüfen
Der passende Titel hängt vom Migrationsgrund ab. Die wichtigsten für Drittstaatsangehörige:
- Passeport Talent (L. 421-9 ff. CESEDA) – für Masterabsolventen oder höher mit Arbeitsvertrag über einem Gehaltsschwellenwert (2026: ca. 53.836 € brutto/Jahr für die Bezeichnung „qualifizierter Arbeitnehmer“). Vorteil: Vierjahresaufenthaltstitel ab Beginn, erleichterte Familienzusammenführung.
- Passeport Talent – Forscher: für Forscher mit Master oder höher und Aufnahmevereinbarung mit einer anerkannten Forschungseinrichtung. Kein spezifischer Gehaltsschwellenwert.
- Arbeitnehmer / Zeitlich begrenzte Beschäftigung (L. 421-1) – Arbeitsvertrag, geprüft durch die DREETS (ehemals DIRECCTE), die die „Arbeitsmarktsituation“ überprüft. Strenger als Passeport Talent, oft gültig für ein Jahr, verlängerbar.
- Studentenvisum (VLS-TS étudiant) – nach Zulassung durch eine Hochschule, Nachweis von finanziellen Mitteln (2026: ca. 615 €/Monat, also 7.380 €/Jahr), Krankenversicherung.
- Arbeitssuche / Unternehmensgründung (APS, Autorisation Provisoire de Séjour) – nur nach einem französischen Masterabschluss oder höher; kein Einstiegspunkt aus dem Ausland.
- Familienzusammenführung – zugunsten des Ehepartners und minderjähriger Kinder eines Ausländers mit regelmäßigem Aufenthalt von mindestens 18 Monaten; Einkommens- und Wohnraumbedingungen.
Das offizielle Portal France-Visas ist der einzige Einstiegspunkt für Visaanträge. Es leitet nach einigen Fragen zum richtigen Visumtyp weiter.
Studienplatz, Ausbildung oder Arbeitsstelle suchen
Studium. Die offizielle Plattform für Nicht-EU/EEA/Schweizer ist Études en France (verwaltet durch Campus France über die „Études en France“-Räume in den Botschaften) – verpflichtende Schritte vor dem Visaantrag für betroffene Länder (ca. 70 Länder: Algerien, Marokko, Tunesien, Senegal, Kamerun, Elfenbeinküste usw.). Für andere Länder bewirbst du dich direkt bei den Universitäten über deren Websites oder über Parcoursup (Bachelor, aber nur für Inhaber eines französischen/europäischen Abiturs oder gleichwertigen anerkannten Abschlusses) oder Mon Master (für Masterstudiengänge).
Der Katalog der Hochschulbildung auf enseignementsup-recherche.gouv.fr listet die ~3.500 Master- und Bachelorstudiengänge auf. Die Erasmus Mundus-Programme und die Stipendien der französischen Regierung (Eiffel, France Excellence) werden von Campus France verwaltet. Die Campus France-Räume in etwa 50 Ländern bieten kostenlose Beratung.
Für ein Studienkolleg-Äquivalent (sprachliche und akademische Vorbereitung vor dem Universitätsstart) gibt es DU FLE (Diplôme universitaire de français langue étrangère) in den meisten Universitäten.
Berufliche Ausbildung. Das französische Ausbildungsystem (CFA – Centres de Formation d'Apprentis) ist für Ausländer weniger offen als das deutsche; ein „Arbeitnehmer“-Visum + Ausbildungsvertrag ist notwendig. France Compétences überwacht das System, Pôle emploi listet die Verträge auf.
Arbeitsstelle. Für ein Arbeitnehmervisum benötigst du einen Arbeitsvertrag, der von der DREETS vor dem Visaantrag geprüft wird. Quellen:
- Pôle emploi (pole-emploi.fr) – die größte französische Jobbörse, ~700.000 Angebote, auch aus dem Ausland einsehbar
- APEC (apec.fr) – Association Pour l'Emploi des Cadres, spezialisiert auf Führungspositionen und Abschlüsse auf Bachelor+5-Niveau
- EURES (eures.europa.eu) – europäische Jobbörse mit französischem Schwerpunkt
- LinkedIn, Indeed, Welcome to the Jungle – besonders für qualifizierte Profile und Tech-Bereiche
- Stack Overflow Jobs – Informatik
Besonderheiten bei Bewerbungen in Frankreich: Lebenslauf von einer bis zwei Seiten ohne Foto (Fotos verlieren an Bedeutung), Motivationsschreiben sehr formalisiert und gelesen, Referenzen selten vor dem Vorstellungsgespräch gefordert.
Anerkennung von Diplomen vorab einleiten
Das französische System unterscheidet zwischen akademischen (Universität) und beruflichen Diplomen (BTS, BUT, Brevet professionnel). Die Anerkennungspfade unterscheiden sich.
Akademische Diplome: Das Zentrum ENIC-NARIC Frankreich (verwaltet durch France Éducation International) stellt eine Bescheinigung über die Vergleichbarkeit zwischen deinem ausländischen Diplom und dem französischen LMD-System (Licence-Master-Doctorat) aus. Online-Verfahren auf phoenix.france-education-international.fr, Kosten ~70 €, Bearbeitungszeit 2–4 Monate. Die Bescheinigung hat keine strikte rechtliche Gültigkeit, wird aber von Arbeitgebern und Universitäten weit akzeptiert.
Reglementierte Berufe (Medizin, Pflege, Physiotherapie, Recht, Lehre): Die Anerkennung erfolgt über die berufliche Kammer (Ordre des Médecins über das CNOM, Ordre des Infirmiers, Conseil National des Barreaux usw.). Für Nicht-EU-Absolventen ist die PAE – Autorisation d’Exercice der entscheidende Schritt in der Medizin (EVC – Prüfung der Fachkenntnisse). Bearbeitungszeit: 1–3 Jahre je nach Fachgebiet.
Weiterbildung / VAE: Die Validation des Acquis de l’Expérience ermöglicht die formelle Anerkennung von durch Berufserfahrung erworbenen Kompetenzen. Langwieriger Prozess (6–12 Monate), aber kostenlos oder gefördert.
Französischkurse im Herkunftsland und Sprachprüfung
Das erforderliche Niveau hängt vom Aufenthaltstitel ab:
- Passeport Talent, Arbeitnehmer: Kein Niveau vor der Einreise erforderlich, aber B1 wird für die Integration dringend empfohlen
- Student: Je nach Studiengang B2/C1 (außer bei englischsprachigen Programmen)
- Ehepartner eines Ausländers oder Franzosen: A1 vor der Einreise für den Ehepartner eines Franzosen; A2 in einigen Fällen für die Familienzusammenführung
- Einbürgerung: B1 mündlich und schriftlich
Wo Französisch lernen vor der Abreise:
- Alliance française – offizielles Netzwerk, ~830 Standorte in 130 Ländern. Kurse und Prüfungen. Referenz für Qualität und Anerkennung.
- Institut français – kulturelle Mission Frankreichs im Ausland, etwa 100 Institute weltweit, oft an Botschaften angegliedert. Kurse und Zertifizierungen.
- Kostenlose Online-Kurse: TV5 Monde Apprendre (apprendre.tv5monde.com), RFI Savoirs (savoirs.rfi.fr) – öffentliche Ressourcen von A1 bis C1 mit Audio
- Kostenpflichtige Online-Kurse: Frantastique, Lingoda, italki – flexibel, live mit Lehrern
Anerkannte Prüfungen:
- DELF/DALF (Diplôme d'Études en Langue Française / Diplôme Approfondi) – Referenz für A1 bis C2, verwaltet durch France Éducation International, lebenslange Gültigkeit
- TCF (Test de Connaissance du Français) – Niveauprüfung, Gültigkeit 2 Jahre, schneller zu absolvieren
- TEF (Test d'Évaluation du Français) – privates Äquivalent, von einigen Präfekturen akzeptiert
Dokumente vorbereiten
Was du in deinem Herkunftsland sammeln kannst und musst – die Sammlung dauert oft mehrere Wochen:
- Reisepass mit mindestens 3 Monaten Gültigkeit nach dem geplanten Aufenthaltsende und 2 freien Seiten
- Geburtsurkunde im internationalen Format (Formular E)
- Heiratsurkunde falls relevant (Familienzusammenführung, Steuerstatus)
- Schul- und Hochschuldiplome in Original und beglaubigten Kopien
- Zeugnisse (transcripts)
- Arbeitszeugnisse der letzten Jahre – wichtig für die Berufsanerkennung
- Führungszeugnis (oft für sensible Jobs gefordert, aber auch für die Einbürgerung)
Für jedes Dokument benötigst du eine beglaubigte Übersetzung ins Französische durch einen bei einem französischen Berufungsgericht zugelassenen Übersetzer (Verzeichnis online auf cour-de-cassation.fr). Je nach Land kann eine Apostille von Den Haag (Vertragsstaaten) oder eine Legalisation (andere Länder) erforderlich sein. Bei Unsicherheit frage vorher – ein abgelehntes Dokument kostet 4–8 Wochen.
Wohnungssuche aus dem Ausland
Eine Standardwohnung in Frankreich aus dem Ausland zu finden, ist sehr schwierig. Vermieter verlangen fast immer eine Besichtigung, einen vollständigen Ordner (3 letzte französische Steuerbescheide, 3 letzte Gehaltsabrechnungen, Bürge mit Wohnsitz in Frankreich) und unterschreiben selten aus der Ferne. Pragmatische Strategie: Übergangsmiete für 2 bis 3 Monate, dann endgültige Suche aus Frankreich.
Möblierte Wohnungen und Co-Living buchbar aus dem Ausland:
- Studapart – Plattform für Studierende, Mieten ab einem Monat, mit integrierter Bürgschaft
- Lokaviz – Dienst des CROUS (Centres régionaux des œuvres universitaires et scolaires) für Studierende
- HousingAnywhere, Spotahome – internationale möblierte Mieten
- Habyt, NUMA, The Babel Community – Co-Living, meist in Großstädten
CROUS: Für Studierende bietet das öffentliche Netzwerk von Studentenwohnheimen Mieten zwischen 180 und 400 €/Monat in Zimmern oder Studios. Beantrage frühzeitig auf messervices.etudiant.gouv.fr (DSE – Dossier Social Étudiant). Lange Wartelisten in Paris, kürzere in der Provinz.
Standardsuche auf SeLoger, Leboncoin Immobilier, PAP (pap.fr), Logic-Immo: Fast unmöglich ohne Anwesenheit in Frankreich und französischen Bürgen. Nutze sie jedoch, um Preise und Viertel zu erkunden.
Digitale Vorbereitung: Bankkonto, SIM-Karte, Apps
Bankkonto vor der Ankunft:
- Wise (wise.com) – Multiwährung, französischer RIB verfügbar, Eröffnung ohne französische Adresse, ideal für Überweisungen aus dem Herkunftsland
- Revolut – IBAN aus Litauen oder Frankreich je nach Anmeldezeitpunkt
- N26 – deutsche Bank, deutscher IBAN, akzeptiert manchmal vorübergehende Adressen
- Bunq (Niederlande) – niederländischer IBAN, zugänglich für Nicht-Residente
Ein französischer RIB ist wertvoll, da viele Arbeitgeber und Vermieter nur SEPA-Abbuchungen auf französische RIBs akzeptieren. Klassische französische Banken (BNP Paribas, Société Générale, Crédit Mutuel, Banque Postale) verlangen in der Regel eine Anmeldung in Frankreich – also in Phase 2 zu eröffnen. Der Grundbankdienst ist durch das Bankengesetz (Artikel L312-1 des Code monétaire et financier) für alle in Frankreich ansässigen Personen garantiert, die kein Konto anderswo eröffnen können: Die Banque de France weist eine Bank zu, die den Kunden akzeptieren muss.
SIM-/eSIM-Karte:
- Französische eSIM aus dem Ausland: Free Mobile, Orange Open, SFR, Bouygues, B&You bieten Prepaid-Tarife ab ~10 €/Monat an. Aktivierung über die Mobile App, französische Rufnummer sofort zugewiesen
- Internationale eSIM für Reisen: Holafly, Airalo, Saily – teurer, aber sofort verfügbar, nützlich für die ersten Tage
- Tarifwechsel nach der Ankunft: Tarife mit Bindung (Mobilfunk + Internet-Box) sind nach einigen Monaten günstiger
Digitale Identität und Apps:
- FranceConnect – eindeutige ID für öffentliche Dienste (Steuern, ameli, Krankenkarte usw.). Erstellung möglich nach Erhalt einer Steuer- oder Sozialversicherungsnummer, also in Phase 2
- Service-Public.fr – offizieller Referenzportal für administrative Verfahren, mehrsprachig
- Ameli (Sozialversicherung), Impots.gouv.fr, Mon Espace Santé: nach der Ankunft aktivieren
Nützliche Apps vorab installieren:
- France Visas (offizielle App zur Verfolgung des Visaantrags)
- Service-Public.fr mobil
- DeepL oder Google Translate mit Offline-Modus – zum Übersetzen von Verwaltungsbriefen
Visaantrag beim Konsulat
Staatsangehörige von Drittstaaten reichen ihren Antrag auf Langzeitvisum (Typ D) beim französischen Konsulat in ihrem Land ein. Das Verfahren läuft fast immer über France-Visas online, gefolgt von einem Termin im Konsulat oder über einen Dienstleister (VFS Global, TLScontact je nach Land). Terminwartezeiten: von einigen Wochen bis 6 Monaten je nach Land und Saison.
Standarddokumente: Antragsformular, Reisepass, Passfotos, Nachweis der Unterkunft (Hotelsreservierung reicht in Phase 1), Nachweis der Krankenversicherung für die ersten Monate, Nachweis der finanziellen Mittel, Arbeitsvertrag / Zulassung durch die Universität / Aufnahmevereinbarung je nach Grund, Arbeitgeberdokumente, Führungszeugnis für bestimmte Visa.
Die Kosten für ein Langzeitvisum betragen in der Regel 99 €. Das VLS-TS (Visa Long Séjour valant Titre de Séjour) wird direkt in den Reisepass gestempelt und gilt als Aufenthaltstitel für das erste Jahr – keine Aufenthaltskarte im ersten Jahr erforderlich, aber obligatorische OFII-Validierung (siehe Phase 2).
Finanzielle Nachweise und Reisekrankenversicherung
Es gibt kein Sperrkonto wie in Deutschland, aber das Konsulat verlangt einen finanziellen Nachweis entsprechend dem Aufenthaltszweck: ca. 615 €/Monat für Studierende (2026), abgedeckt durch Stipendium, Bürge oder Bankkonto. Für das Arbeitnehmervisum gilt der Arbeitsvertrag als Nachweis. Bei der Familienzusammenführung werden die Mittel des Zusammenführenden geprüft.
Eine Reisekrankenversicherung ist für den Visaantrag Pflicht und muss mindestens die ersten Monate (mindestens 90 Tage) abdecken. Übliche Anbieter: April International, Mondial Assistance, Chapka Assurances – zwischen 30 und 80 €/Monat.